Vom Glück des Puppenspiels

 

 


Es waren einmal zwei Schwestern, Lilia und Nelia. Sie hatten einander sehr lieb. Lilia, die ältere der beiden, musste jeden tag ihre kleine, geliebte schwester Nelia hüten. Ihrer beider Eltern waren arm und mussten den ganzen Tag im Wald mit Jagen und Holzhacken verbringen. Jeden Tag bettelte die kleine Schwester:„Erzähl mir noch ein Märchen“, um sich die lange Zeit ohne Eltern zu vertreiben. Bald aber gingen der großen Schwester die Märchen aus, so begann sie ihre eigenen Geschichten zu erfinden.

Weil sie so arm waren hatte klein Nelia auch keine Puppen zum Spielen. Und mit ihren gar schönen Rehäuglein und den schwarzen Haaren schaute sie Schwester Lilia an und bettelte: „Bitte mach mir auch noch Puppen zu den Geschichten“. So begann die Schwester für sie nicht nur Geschichten zu erfinden, sondern auch Puppen zum Leben zu erwecken. Da klein Nelia gar nicht genug von den Puppen und Geschichten bekommen konnte kamen jeden Tag viele Neue dazu.

Doch wie es im Leben so ist, wurde auch Nelia groß und die Puppen hatten keine Aufgaben mehr, denn die Geschichten und Märchen wurden nicht mehr erzählt. Und so wanderten sie immer weiter nach hinten in einen alten Schrank.

Eines Tages als Lilia diesen Schrank öffnete, um etwas zu suchen, sahen die Puppen ihre Chance und sprachen:

„Lilia, es ist so traurig und dunkel hier im Schrank, warum spielst Du nicht mehr mit uns?“

Das erschreckte Lilia sehr und wie Schuppen fiel es ihr von den Augen. Ihre eigenhändig geschaffenen und geliebten Puppen mussten hinaus in die Welt. Auch andere Kinder sollten die Geschichten und Märchen hören. Da begann Lilia die Puppen langsam wieder aus dem Schrank zu holen, doch es waren so viele und alle schrien sie durcheinander:

„Spiel mit uns, spiel mit uns! Erzähl unsere Geschichten!“

Nun wurde Lilia ganz traurig und sagte den Puppen: „Ich kann euch nicht alle spielen, ich habe doch nur zwei Hände“.

Da weinten die Puppen ganz bitterlich und auch Lilia flossen Tränen der Verzweiflung  über die Wange. Durch das laute Wehklagen hörte Lilia  plötzlich ein leises Wimmern. Sie bat die Puppen kurz inne zu halten und entdeckte in der dunkelsten Ecke des Schranks, die älteste Puppe.

Sie war klein Nelias erste und absolute Lieblingspuppe, Hund Charly. Er hatte schon so viele Geschichten erlebt, es war kaum zu fassen, dass er noch am Leben war.

Vorsichtig griff Lilia in den Schrank und holte den kleinen zerzausten Hund hervor. Ganz behutsam strich sie ihm über sein Fell und entfernt den Staub, der sich dort über die Jahre abgelagert hatte. Der kleine Charly war so froh und dankbar, dass er endlich aus dem dunklen Schrank durfte. Und so wollte er Lilia ein Versprechen geben:

“Ich zieh aus und werde jemanden finden, der mit dir und uns Puppen alle Märchen und Geschichten erzählen kann“.

Jahre vergingen und Lilia gab die Hoffnung auf die Erfüllung des Versprechens längst auf. Langsam begann sie die Puppen wieder zurück in den Schrank zu räumen.

Als sie eines Tages vom Pilze sammeln kam, sah sie eine Frau am Waldrand sitzen. Die Frau schien sehr aufgeregt zu sein. Es sah fast so aus, als unterhielte sie sich mit Jemanden. Lilia schlich etwas näher heran und hörte wie die Frau sagte:

„Du meinst ich soll diese eine sein, die die Magie der Puppen erwecken kann? Bei so vielen Menschen auf der Welt, soll ich die Auserwählte sein?“

Lilia wurde ganz hellhörig und unglaublich aufgeregt. „Sprach diese Frau über Puppen?“

Lilia kam langsam näher. Konnte es wirklich sein, dass neben der Frau ihre Puppe, aus der hintersten Ecke im Schrank, der kleine Hund Charly saß? Sie traute ihren Augen und Ohren nicht. Er musste es sein. „Charly, bist Du es?“ Sie blickte den Hund und dann die Frau an.

In dem Moment, in dem sich die Blicke der beiden Frauen trafen wurden sie von einem regenbogenfarbenen Licht umgeben. Sie wussten sofort, dass hier etwas Magisches passiert.

Charly sprach in die Stille: „Lilia, ich habe sie für dich gefunden, Stine die Puppenspielerin!

Nun tragt Euer Glück in die ganze Welt hinaus und lasst die Puppen tanzen, lachen und spielen!“

Und so geschah es, dass Lilia und Stine die Puppen glücklich machten und ihre Geschichten und Märchen noch heute erzählen. Kinder wie Erwachsene erliegen dem Zauber dieser Geschichten, da die Magie, die in Puppenspielerinnen und Puppen inne wohnt, sich schnell auf alle Zuschauer überträgt.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so spielen sie noch heute für junge und auch alte Leute!